Zwischen Zuweisung und Verantwortung

Schuld und Emotionsregulierung

Ein Label von außen?

Die Frage der Schuld ist eine Frage, die im Sinne einer Bewertung und Zuweisung entsteht und daher nur im Spektrum der eigenen Verantwortung modifiziert werden kann. Wie im Kinderspiel „Drehet euch nicht um, drehet euch nicht um, der schlaue schlaue Fuchs geht um". Ist Schuld ein Statement, ein statisches Phänomen, ein Label, das von außen gesetzt wird? Kann eine kollektive Schuld, die nicht mit dem Handeln und der Verantwortung des Individuums gekoppelt ist, von diesem auch nicht transformiert oder modifiziert werden? Und gibt es einen Unterschied, ob sich jemand selbst schuldig fühlt – auf Grund eines inneren moralischen Konflikts, der aus dem eigenen Handeln resultiert – oder ob aus der moralischen Instanz, der moralischen Sicht der Gesellschaft, eine zugewiesene und vom Individuum angenommene Schuld resultiert?

Die Paralyse der Bewertungen

Die Frage der Schuld, so meine Erfahrung aus Gesprächen und Sitzungen im therapeutischen Kontext, hat keinen dynamischen Prozess zur Folge, sondern verfängt sich in der Paralyse von inneren und äußeren Bewertungen, die weder den Handlungsspielraum hin zur eigenen Verantwortung noch die Sicht auf Reue und empathische Strategien zulassen. Aus meiner Sicht ist es daher relevant, einen dynamischen Prozess zu generieren, um Veränderungen möglich zu machen.

Die Umkehrung des Vektors

Bleibt die Statik, die Paralyse bestehen, besteht die Möglichkeit, dass sich die schuldtragende Person dadurch befreit, dass sie den Vektor umkehrt. Das bedeutet: Wenn die Schuld, die mir zugedacht oder tatsächlich angelastet wird, nicht mehr zu ertragen ist, ist eine mögliche Strategie, die Last und die Beschuldigung umzudrehen, um so wieder handlungsfähig zu werden. So kann die Last der Schuld und die daraus resultierende Handlungsunfähigkeit durch die Umkehrung reguliert werden. Das kann z. B. durch Aggression, Gewalt oder auch Stigmatisierung der vermutlichen moralischen Instanz geschehen. Diese Strategie ist daher mehr auf der Ebene der Konfrontation als auf der Ebene eines Dialogs angesiedelt.

Schuld im System Familie

In Bezug auf Handlungen und Ereignisse, die im familiären Kontext geschehen, bedeutet das, dass negativ bewertete Handlungen sowohl Auswirkungen auf das Individuum als auch auf das System, die Familie, haben. Dabei ist es zum einen möglich, dass die Bewertung des Systems auf ein einzelnes Individuum etabliert wird und damit eine Stigmatisierung und Ausgrenzung stattfindet. Zum anderen kann ein Individuum eine Handlung, die von der Gesellschaft als negativ bewertet wird, zu einer kollektiven Schuld des Systems, der Familie, machen. Schuld kann daher sowohl eine Strategie der System-Stabilisierung sein, als auch als Machtwerkzeug für Abhängigkeitsverhältnisse dienen.

Schuld als Schutzschild

Schuld ist zuweilen auch ein Schutzschild. Dabei werden zwei Mitteilungen gleichzeitig gesendet. Zum einen: „Ich bin schlecht, ich bin so, und daher gibt es auch keine Möglichkeit für mich, Verantwortung zu übernehmen." Das Umfeld wird dazu genutzt, die Schuld als etwas Unabdingbares zu akzeptieren und sich dieser Handlungsunfähigkeit zu unterwerfen. Hier, so meine Erfahrung, gesellen sich die Themen Scham und Tabuisierung zu der schon vorhandenen Last dazu. Das System sieht sich im Kollektiv als „Täter", als „Schuldiger", ist allerdings – auf Grund der Tatsache, die negativ bewertete Handlung nicht selbst vollzogen zu haben – zunächst paralysiert.

Vom Label zum Prozess: Wege der Selbstermächtigung

Ein Weg aus dieser Paralyse beginnt dort, wo es gelingt, die eigenen Handlungen differenziert zu betrachten – sie weder pauschal zu verurteilen noch zu rechtfertigen – und zugleich wahrzunehmen, welche Wirkung sie auf das Umfeld haben. In diesem Erkennen liegt der Kern der Selbstermächtigung: Aus dem statischen Label wird wieder ein Prozess, aus der Last wird Verantwortung, die gestaltet werden kann. Doch sich selbst auf diese Weise zu begegnen, ist ein Wagnis und eine Herausforderung. Es macht verletzlich – und gerade in dieser Verletzlichkeit sind wir besonders empfänglich für die Impulse, die von außen kommen. Bewertungen, Statements und Hinweise werden dann zu Stabilisatoren für das fragile Ich; sie können halten, sie können aber auch erneut festschreiben. Je größer die Last, desto größer das Bedürfnis, Strategien von außen zu bekommen. Deshalb ist es in diesen Phasen, die zu Wendepunkten werden können, erheblich, in welchen Kontexten und Systemen ein Mensch gebunden ist: ob er auf Urteile trifft oder auf Bindungen, die tragen. Wir brauchen das Gefühl, in einem System aufgehoben zu sein, um dieses Wagnis eingehen zu können. Einen solchen geschützten Rahmen anzubieten, in dem aus Starre wieder Bewegung werden darf, ist Anliegen meiner therapeutischen Arbeit – und zuweilen der erste Schritt, die Last der Schuld nicht länger allein zu tragen.

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