Wünsche sind introvertierte Phänomene
„Wenn dann“ und die möglichen Konsequenzen, Frustrationsschleifen und Verbitterung
Wünsche benennen – ein Moment des Innehaltens
Wünsche zu benennen, sich selbst oder anderen gegenüber, hat eine wertvolle Wirkung auf das Erkennen der eigenen Bedürfnisse und die Erkenntnis des Ist-Zustands der eigenen Person.
Je konkreter und definierter Wünsche benannt werden können, desto mehr ergeben sich Handlungsspielräume und Varianten für vorhandene Perspektiven, die das Wohlbefinden einschränken. Ein Wunsch hat zunächst den Bezug zu sich selbst, beschreibt eine Veränderung des Momentanen oder die Abwesenheit von etwas Ersehntem und ist in der Benennung erst einmal ohne dynamischen Prozess, der sogleich in eine Handlung führt. Dies ermöglicht zunächst die Tendenz des Innehaltens und der Reflexion des momentanen Empfindens und der Betrachtung des eigenen Ichs in der Situation. Wünsche können Vernunft und Gefühle in einen Dialog bringen, zuweilen auch in eine Auseinandersetzung. Sich vorzustellen, wie die Erfüllung eines Wunsches ausschauen könnte, in Bezug zum eigenen Empfinden und dem eigenen Handeln, kann ein Impuls für Veränderung und Motivation für Selbstfürsorge sein. Damit gibt es eine Chance der Selbstregulierung und einer emotionalen Selbstständigkeit. Den Wunsch als ein Bedürfnis des Individuums, jenseits der Erfüllbarkeit und einer unbedingten Erwartung, zu formulieren, kann die Bindung zu sich selbst stärken und somit das eigene Verständnis zu den Gefühlen und den Bedürfnissen greifbar machen.
Wenn-dann-Konstruktionen und Abhängigkeit
Wünsche, die an Erwartungen und Bedingungen gekoppelt sind, insbesondere im zwischenmenschlichen Bereich, geben der unkalkulierbaren Umwelt die Macht, Gefühle zu beeinflussen und zu bestimmen. Das heißt, ist beim Benennen des Wunsches automatisch die Erwartung der Erfüllung durch das Außen impliziert, schränkt dies die Reflexion zu sich selbst ein. Der Moment des Innehaltens, der die Kopplung zu den eigenen Handlungsmöglichkeiten ermöglicht, wird durch die Projektion nach außen unterbrochen.
Das Außen erhält, ohne es eingefordert zu haben, die Macht über die Gefühle und das Befinden, und somit entsteht eine emotionale Abhängigkeit. Wir sind abhängig und wir brauchen Bindungen.
Die Abhängigkeiten und Verbindungen können stabilisierend oder destabilisierend sein. Wenn das Wohlbefinden ausschließlich an die erwartete Handlung und an die Reaktion des Außen gekoppelt ist, birgt dies die Gefahr, sich in Frustrationsschleifen zu erschöpfen. Bewertungen und die Sicht des Außen werden zum eigenen Skalierungsmodell und beinhalten somit die Möglichkeit der unkalkulierbaren Willkür.
Frustrationsschleifen – ohne Rückzugsort
Chronisch unerfüllt zu sein und seiner eigenen Handlungsmöglichkeit und Selbstregulierung enthoben zu sein, unterbindet den Dialog zwischen Vernunft und Gefühlen. Das Empfinden, ausgeliefert zu sein und der Willkür ausgesetzt zu sein, führt zur Hilflosigkeit und zuweilen zu Aggression. Da die angenommenen Erwartungen und Anforderungen, die Signale, die von außen kommen, unendlich sind, werden Veränderungsprozesse, die mit den eigenen Bedürfnissen gekoppelt sind, immer schwieriger. Das Außen, die Umwelt, wirkt bedrohlich und wird als entwertend wahrgenommen. Damit gibt es weder einen inneren noch einen äußeren Rückzugsort. Bleibt dieser Zustand bestehen, kann sich die Frustrationsschleife zu einer Verbitterung verfestigen, in der die eigenen Wünsche nicht mehr benannt, sondern nur noch als Anspruch an ein Außen erlebt werden, das sich ihnen entzieht.
„Wenn dann“ als Dispositiv
Ist also das Individuum alleine dafür verantwortlich, sich von den Abhängigkeiten und den selbst initiierten Frustrationsschleifen zu befreien? „Wenn dann“ ist zu einem Dispositiv geworden, das sowohl das innere Wahrnehmen in Bezug auf die Bewertung des Selbst und der Umwelt bestimmt, als auch bewirkt, dass das Außen das Individuum dazu anhält, sich in „Wenn-dann“-Gesetzmäßigkeiten zu betrachten. Um dem etwas entgegenzusetzen, wird ein kontrolliertes Innehalten eingeflochten. Begriffe wie Achtsamkeit, Resilienz in Kombination mit Selbstoptimierung und Verantwortung für das, was nur marginal kalkulierbar ist: Gesundheit, Glück, Erfolg etc. Das Benennen von Bedürfnissen und Wünschen hat somit einen klar vorgegebenen Parcours, der nicht in Frage gestellt wird. Damit wird das Wagnis, den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu begegnen, durch die vorbestimmte Dynamik überstimmt.
Wünsche als introvertierte Phänomene
Wünsche sind individuell, tief verankert in Bildern und Vorstellungen unserer Erfahrung und unserer emotionalen Landkarte. Sie sind einzigartig und daher nie deckungsgleich. Sie sind mitteilbar, können aber nicht dieselbe Deutung und Bewertung erfahren. So ist es dem Gegenüber nicht gegeben, Wünsche zur Zufriedenheit des Wünschenden letztendlich zu erfüllen. Die Wahrnehmung des Ist-Zustands und das Bemerken der Abwesenheit von Ersehntem sind nur begrenzt für andere nachvollziehbar. Wünsche sind introvertierte Phänomene, die zunächst auf das Individuum selbst bezogen sind.
Ähnlich der Sexualität, die zwar in der Schnittmenge Erfüllung bringen kann, dennoch mit der tief eigenen Phantasie, den Bildern und Empfindungen ein Teil von viel mehr sein wird. Sexualität und Erregung sind mit den physischen, emotionalen und sinnlichen Erfahrungen verbunden. Da diese Genesis nicht identisch mit einer anderen Person sein kann, werden die Impulse und die Reizpunkte unterschiedlich bewertet und aufgenommen.
Unantastbare Bereiche – ein Weg zur Unabhängigkeit
Darin liegt unsere Chance, unsere Möglichkeit, Handlungsspielräume und unantastbare Bereiche, denen nie jemand vollkommen begegnen wird, zu erkennen. Es wird immer Impulse, Bewertungen, Druck und Spannungszustände geben, denen das Individuum ausgesetzt ist. Wünsche und Bedürfnisse zu benennen, sie sich selbst zu gestatten, ohne Erwartungen an ein Gegenüber, kann eine Variante der Selbstfürsorge und ein Weg zur Unabhängigkeit sein. Vielleicht auch den Gedanken zuzulassen, dass das Gegenüber weder die Macht noch die Möglichkeit hat, den Wunsch so zu erfüllen, wie er sich in der Einzigartigkeit im Individuum zeigt. Allerdings hat das Gegenüber auch nicht die Macht, diese besonderen Räume letztlich zu betreten, wenn sie vom Individuum als eigen und selbstbestimmt betrachtet werden.
Wie sich Wünsche benennen lassen, ohne sie an eine Bedingung zu knüpfen, ist ein häufiges Thema in der systemischen Paartherapie und in der Sexualtherapie – wenn Sie darüber sprechen möchten, erreichen Sie mich über die Kontaktseite.